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Im Mai 2017 konnten zwei Geschichte-Lehrer des Schulschiffs an einer Gedenkreise nach Weißrussland teilnehmen: auf den Spuren der NS-Verbrechen  im 2. Weltkrieg.

Nach 1945 hat es Jahrzehnte gedauert, bis in den österreichischen Schulen umfassend über die Verbrechen der Nazizeit aufgeklärt wurde. Heute fahren viele Geschichte-KollegInnen mit ihren SchülerInnen in die Gedenkstätte Mauthausen, manche auch nach Auschwitz. Gut so! – Und trotzdem ist der Ort, an dem die meisten österreichischen Juden und Jüdinnen von den Nazis ermordet wurden, in der österreichischen Öffentlichkeit kaum bekannt.

Maly Trostinec – im 2. Weltkrieg ein kleiner Vorort der weißrussischen Hauptstadt Minsk.  Die Nazis ermordeten dort rund 60.000 Menschen, darunter mindestens 10.000 Juden und Jüdinnen aus Österreich.  Da das Ghetto von Minsk im Jahr 1942 überfüllt war, wurde der allergrößte Teil der aus Wien deportierten Menschen direkt nach der Ankunft in Minsk mit Lastwagen nach Maly Trostinec gebracht und  sofort ermordet. Ein Teil schon auf der Fahrt in Gas-LKWs, die meisten gleich nach der Ankunft in einem Waldstück namens Blagowschtschina. Sie wurden, man muss es so formulieren, in große Erdlöcher „hineingeschossen“.

Völlig unfassbar dann die Zahlen der von den Nazis ermordeten BürgerInnen Weißrusslands: Von den ca. neun Millionen Menschen, die 1941 in Weißrussland lebten, wurden etwa 1,6 bis 1,7 Millionen von den deutschen Besatzern ermordet, das sind 18 bis 19 Prozent der Bevölkerung: Circa 700.000 Kriegsgefangene (von denen die Nazis viele verhungern ließen), 500.000 bis 550.000 Juden und Jüdinnen und ca. 345.000 Menschen im Zuge der „Partisanenbekämpfung“: Als Vergeltungsmaßnahme gegen Partisanenangriffe haben die Nazis mehr als 600 zivile Dörfer verbrannt – mitsamt den BewohnerInnen. 

Zu diesen Zahlen kommen noch mehrere hunderttausend in den Reihen der Roten Armee als SoldatInnen gefallene Weißrussen.   

In Österreich ist von all dem bis heute sehr wenig bekannt. In Minsk gibt es nahe dem ehemaligen Ghetto seit einigen Jahren eine kleine Gedenktafel  der Republik Österreich (mit einer zu niedrigen Zahlenangabe der österreichischen Opfer).  Und  seit Kurzem steht in Maly Trostinec ein eindrucksvoller Gedenkstein der Weißrussischen Republik für die Opfer. 

Was fehlt ist ein - von der Republik Österreich errichtetes - Grabmal  für die mindestens 10.000 österreichischen Opfer am Ort ihrer Ermordung.  Ein Grabmal mit den Namen der Ermordeten,  damit sie als Menschen, als Individuen in Erinnerung  bleiben  und nicht als Teil einer anonymen Masse. Ein Ort des Gedenkens auch für die Angehörigen.

Keine offizielle österreichische Instanz hat sich die Errichtung dieses Grabmals zur Aufgabe gemacht – es obliegt einer privaten Initiative von Nachfahren der Ermordeten, sich dafür einzusetzen.  Der kleine, engagierte Verein „IM-MER Initiative Maly Trostinec erinnern“  organisiert seit 2010 Gedenkreisen nach Minsk, bei denen u.a. Schilder mit den Namen der Ermordeten am Ort des Geschehens angebracht werden.  An der Reise  im Mai 2017 konnten auch zwei Kollegen des Schulschiffs teilnehmen.   Diesem Verein  ist es zu verdanken, dass der österreichische Nationalrat im Vorjahr einen Grundsatzbeschluss zur Errichtung dieses Grabsteines gefasst hat. Dieser Beschluss harrt allerdings weiter der Umsetzung. Für uns als LehrerInnen heißt das:  Maly Trostinec sollte von uns im Unterricht thematisiert, in Projekten behandelt  werden. Nicht nur, indem wir aufzeigen, was die Nazis dort gemacht haben – wichtig wäre auch die Frage, warum es mehr als 70 Jahre gedauert hat, bis der Name des Ortes, an dem so viele ÖsterreicherInnen ermordet wurden, in unserem Land zumindest halbwegs bekannt wurde.

Näheres: www.im-mer.at sowie www.waltraud-barton.at/immer/de/home.html

 

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